Kulturelle Vielfalt - mehr als ein Slogan

Vorschläge für die Umsetzung der UNESCO-Konvention über die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in der Schweiz

Ein gemeinsames Projekt der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt und der Schweizerischen UNESCO-Kommission

Film und Kino

>Text Bericht 2009
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Bericht

Die Expertengruppe beleuchtete die Frage der kulturellen Vielfalt als komplexes System: Alle diskutierten Elemente stellen Wirkungsfaktoren dar, die ihren Beitrag zur Vielfalt der kulturellen Äusserungen leisten: zur Vielfalt der Produktion und des Angebots einerseits, zur Zugänglichkeit in räumlicher wie in bewusstseinsmässiger Hinsicht anderseits (Bildung, darauf basierend Genussfähigkeit).

Der Filmbereich ist auf Bundesebene namentlich wichtig, weil hier der Bund einen ausdrücklichen Verfassungsauftrag hat, demzufolge er nach dem Filmgesetz »die Vielfalt und Qualität des Filmangebots sowie das Filmschaffen fördern und die Filmkultur stärken« soll.

Digitalisierung der Kinovorführung

Die bevorstehende Digitalisierung der Kinovorführung bietet für die Angebotsvielfalt höchst interessante Perspektiven, aber auch beträchtliche Gefahren: Das Verschwinden materieller Träger (statt Spedition von Filmkopien: Satellitendiffusion) öffnet – technisch gesehen – weltweit jedem Kino jederzeit den Zugang zu jedem Film. Kinos an der Peripherie können sich damit optimal an der Auswertung von Grossproduktionen beteiligen, aber gleichzeitig auch eine vielfältige Palette von Filmen für ein cinéphiles Publikum zeigen. Für viele kleine und Landkinos hingegen wird ohne finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand eine digitale Umrüstung nicht möglich sein. Die exorbitanten Kosten digitaler Projektionsgeräte (bei fraglicher Dauerhaftigkeit, höheren Servicekosten und den teilweise nötigen Umbauten) rufen nach einer innovativen Politik, damit die erforderlichen Investitionen nicht zu einer programmlichen Abhängigkeit führen.

Kinoprogramme und Verleihaktivitäten

Die aktuelle Fokussierung der Förderung auf den marktfähigen Schweizer Film bedrängt die Vielfalt: es leidet die Präsenz von Filmen aus Ländern mit »kleiner Produktion«. Die Studiokinos sind überlastet mit Art-et-essai-Mainstream und Produktionen mit Verleihförderung, die Fragiles und Extravagantes über die Ränder hinaus drängen. Von den vielen wichtigen Filmen des weltweiten Schaffens, die in Locarno oder Nyon zu sehen sind, erscheinen zu wenige – auch auf den spezialisierten – Schweizer Leinwänden.

Es genügt nicht, dass man auf Hunderte Titel verweisen kann, die oft nur für kurze Zeit in den Zentren wie Zürich oder Genf zu sehen waren – man muss landesweit auch die kommerziell weniger erfolgreichen, künstlerisch oder kulturell jedoch wichtigen Filme sehen können.

Kinoangebot und nichtkommerzielles Kino

Eine Voraussetzung dafür, dass die Vielfalt filmischen Schaffens wahrgenommen und gepflegt werden kann, ist neben einer geografisch breit gestreuten Kinolandschaft – und deren wirtschaftlicher Prosperität – die nicht-gewinnorientierte Filmvorführung. Nicht-gewinnorientierte Kinos (Programmkinos), Filmklubs, Initiativen in Kultur- und Jugendzentren, in kirchlichen Institutionen oder an Schulen sind seit jeher Wegbereiter für Autoren und Filmtraditionen, die später auch kommerziell in Erscheinung treten. Bei der Filmförderung des Bundes und anderer Akteure haben indessen ökonomische Argumente und Entscheidungskriterien die filmkulturellen Bedürfnisse der Angebotsvielfalt in den Hintergrund gedrängt.

Präsenz und Zugänglichkeit des Filmschaffens aus Afrika, Asien und Lateinamerika

Aussereuropäische Filme, die nicht aus Nordamerika stammen, gibt es in den Schweizer Kinos – verglichen mit anderen europäischen Ländern – erstaunlich viele: vor allem dank engagierten kleinen Kinoverleihern und dem von der DEZA subventionierten Verleih trigon-film. In der Regel sind aber die Eintrittszahlen, zumal ausserhalb der Zentren, eher bescheiden. Von den etwa 80 Filmen, die 2009 am Filmfestival von Freiburg zu sehen waren, gelangt gerade nur der Hauptpreisträger in der Schweiz ins Kino.

Im Fernsehen ist die Situation anders: Täglich werden wir mit Bildern vom Süden konfrontiert – es sind aber hauptsächlich Bilder aus europäischer Sicht, über deren Verbreitung westliche Agenturen und Fernsehanstalten entscheiden. Viele Ereignisse, die an sich wichtig sind und ein positives Bild jenseits des Miserabilismus vermitteln, finden kaum Eingang in unser TV-Angebot.

Diffusion
Festivals
Fernsehen

Filmbildung

Voraussetzungen für das Wahrnehmen, fürs Wertschätzen und für das produktive Verarbeiten der bestehenden Vielfalt an filmischen Ausdrucksformen sind die Bildung der Sinne sowie Erfahrungen im Umgang mit Werken der Filmgeschichte und mit den ästhetischen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Es geht auch darum, bei Schüler das Interesse an anderen Kulturen zu fördern, Neugierde zu wecken und das Verantwortungsgefühl als Mitglieder der Zivilgesellschaft zu stärken.

In unseren Lehrplänen fehlen nach wie vor verbindliche Lernziele und Standards sowie attraktives Unterrichtsmaterial für eine kompetente und aufbauende Förderung der visuellen und medialen Bildung auf allen Schulstufen.

Filmpublizistik

Die Filmpublizistik trägt vor allem in ihrer populärsten Form, der Kritik oder Besprechung, die Filmkunst an die Öffentlichkeit. Ohne Resonanz in Zeitungen und Zeitschriften, TV und Radio – seit einigen Jahren immer mehr auch im Internet –, blieben viele, vor allem Filme für ein kleineres Zielpublikum, sperrige oder auch Werke aus weniger bekannten Regionen, vom breiten Publikum unbemerkt.

Heute gibt es in der Schweiz keine Tageszeitung mehr, die sich einen Filmredaktor mit Vollzeit-Pensum leistet. Die grosse Mehrheit der Besprechungen schreiben filmhistorisch ungebildete Freischaffende, deren Honorare nicht das Überleben sichern: ein »Nebenerwerb« bestreitet häufig den grösseren Teil des Einkommens. Folge ist eine »Deprofessionalisierung« – von einer Vielfalt der Werte und Interpretationen kann also nicht mehr die Rede sein.

Der Niedergang des filmkritischen Metiers (als Produktions- und Existenzgrundlage) bringt auch die übrige Filmpublizistik in Schieflage: Wer nicht im Beruf alltäglich sein Wissen reproduzieren und erweitern kann, fällt auch als Fachautor aus, und damit fehlen die profilierten Schweizer Stimmen, die unserem Schaffen international Resonanz verschaffen können.

Fachkritik und Filmpresse sind für eine praktizierte Vielfalt der Filmkultur unverzichtbar – für die Rezeption so gut wie für den Diskurs der Filmschaffenden. Subventionierte und gebührenfinanzierte Medien müssen über die Ankündigung von Ereignissen hinaus filmpublizistische Leistungen erbringen.

Vielfalt der Produktion und der Formen

Von vielen Filmen, die ästhetisch oder politisch Geschichte schreiben, weil sie gegen die bestehenden Verhältnisse Einspruch erheben und deswegen in Nyon oder Locarno von sich reden machen, gelangt nur wenig in unsere Kinos – und erst recht nicht in solche abseits der sogenannten Grossregionen. Auch unser Fernsehen leistet wenig zum Zugang, zur Verbreitung und Diskussion solcher Werke, die nur ausnahmsweise marktgängig sein können.

Wenn unsere Filmschaffenden die weltweite Vielfalt des innovativen Schaffens nicht wahrnehmen und sich mit dessen Provokationen nicht auseinandersetzen, führt das zwangsweise zu einem reduzierten Gesichtsfeld, zur Abschottung von den internationalen Bewegungen und deren Diskussionen, und damit zum Konformismus. Es braucht demgegenüber in erster Linie die Ermutigung und Förderung origineller und mutiger Autorinnen und Autoren, und den ideellen Austausch unter Kreativen.

Die heutige Förderung der Präsenz des Schweizer Films in unseren Kinos ist in dieser Situation ein zweischneidiges Schwert: zwar verhilft sie fragilen Filmen gelegentlich zur erhofften Prolongation, doch verdrängt sie ausländische Filme, deren Rezeption für unsere Filmkultur und unser Filmschaffen ebenso wichtig ist.

Statistik, Monitoring, Einbezug der Zivilgesellschaft

Die Vorbereitung sämtlicher Expertenbeiträge war behindert durchs Fehlen von Zahlen, mit denen eine kulturpolitische Analyse begründet und eine förderpolitische Argumentation gestützt werden kann. Nur der Filmbereich kennt gewisse statistische Daten, doch indizieren sie das Marktgeschehen im kommerziell betriebenen Kino, nicht den wirklichen kulturellen Prozess. Das Kulturförderungsgesetz schafft eine Grundlage für eine Kulturstatistik (Art. 27 KFG), wie sie für das Monitoring der Entwicklungen im Bereich der kulturellen Vielfalt und für den öffentlichen Diskurs über die Umsetzung der Konvention unerlässlich ist. Die Experten empfehlen:

Originaltext: deutsch


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Die Experten der Gruppe

Hansjörg Beck. Betreibt Landkinos in Wohlen, Liestal, Reinach, Gstaad; Mitglied der Arbeitsgruppe Digitales Kino der Schweizer Kinobranche. hjbeck@rex-wohlen.ch

Daniel Gassmann. Ethnologe. Mitarbeiter der Fachstelle Filme für eine Welt; Stiftung Bildung und Entwicklung. mail@filmeeinewelt.ch

Mathias Knauer (Leitung). Musikwissenschaftler, Filmemacher und Publizist. Vorstandsmitglied der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt. info@lemmata.ch

Robert M. Richter. Filmpublizist und Festivalberater. Geschäftsführer von Cinélibre (Verband Schweizer Filmklubs und nicht-gewinnorientierter Kinos). robert.richter@datacomm.ch

Nina Scheu. Journalistin. Vorstandsmitglied Schweizer Verband der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten SVFJ / ASJC. mail@ninascheu.ch

Heinz Urben. Medienpädagoge. Co-Leitung »Kinokultur in der Schule« und Mitglied der Geschäftsleitung Solothurner Filmtage. info@achaos.ch

 

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